7 Fragen an …

Nele Schäfer von Geschützt: Wörterwald

1 Wie hast du gemerkt, dass es für dich der richtige Zeitpunkt ist, einen neuen Weg in deinem Berufsleben zu gehen?

Für mich war die Frage ausschlaggebend: „Mit wem möchte ich die weiteren Jahre meiner Berufstätigkeit verbringen?“ Meine Mitgründerin Dorothea hat deutlich gespürt, dass sie die Jahre, die sie noch berufstätig sein wird, so haben will, wie es für sie gut ist. Aus diesem Gefühl von ihr, dass sie nicht am richtigen Ort ist und von mir, dass ich mit ihr weitergehen möchte, ist dann zwischen Tür und Angel die erste Idee entstanden.

In so einem flapsigen Gespräch haben wir gesagt: „Ach notfalls machen wir uns halt selbständig“. Irgendwann kam Dorothea dann darauf zurück und fragte: „Meinst du das ernst?“ und ich habe gesagt: „Wenn du das ernst meinst, meine ich das auch ernst“. Dann haben wir die Regine dazu geholt, als wir soweit waren. Wir haben einfach gesagt: „Regine wir haben da etwas vor, bist du dabei?“

Das ist immer noch ein großer Teil meiner Arbeitszufriedenheit: Ich weiß, mit den beiden Frauen an meiner Seite möchte ich alt werden.

2 Was hat sich in eurer Arbeit geändert, seitdem ihr sie selbständig und nicht mehr angestellt macht?

Ich kann schon sagen selbst und ständig. Aber das Tolle ist, dass wir selber bestimmen – von Geschirr, über Möbel, über wie beginnen wir den Tag. Wir dürfen und wir müssen. Klar, wenn die Putzfirma nicht ordentlich putzt, müssen wir hinterher telefonieren, ob wir wollen oder nicht.

Eine Hauptherausforderung in der angestellten Arbeit war für mich immer, dass ich Quereinsteigerin bin. Ich hatte lange Zeit keine grundständige Erzieherinnen Ausbildung. Deswegen war ich den Launen der Vorgesetzten ausgeliefert. Inzwischen bin ich zwar staatlich anerkannte Erzieherin, aber in der Selbständigkeit habe ich einfach Menschen an meiner Seite, die meine Kompetenz schätzen und wissen, dass ich bereit bin Verantwortung zu tragen. Das macht mich zufrieden, weil ich so arbeiten kann, wie ich es für richtig halte. Ich muss nur noch Rücksicht nehmen auf die Frauen in unserem Team.

Blick auf eine künstlerische Statue im Wald des Kindergartens Wörterwald Heidelberg

3 Was wollt ihr den Kindern unbedingt mitgeben?

Das wichtigste, was wir jungen Menschen mitgeben können, ist ein hohes Selbstwertgefühl. Wir pflegen eine gleichwürdige Haltung zum Kind. Das heißt, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir nur an einem anderen Punkt der menschlichen Entwicklung stehen, begleiten wir die Kinder darin, dass sie sich selbst kompetent fühlen, dass ihre Bedürfnisse gehört werden und sie diese äußern können.

Die eigenen Bedürfnisse zu formulieren heißt einerseits, dass sie ihre eigene Persönlichkeit entfalten können, aber auch, dass sie Gemeinschaftsfähigkeit lernen. Durch die Nähe zur Natur wollen wir außerdem aktiv das Bewusstsein für den Lauf der Jahreszeiten und ihre natürliche Umgebung vermitteln. Wir laufen ja auch jeden Tag gemeinsam von der Heidelberger Altstadt hier hoch. Wir hören verschiedene Vögel, wir sehen Erdkröten und Salamander, Eichhörnchen und Mäuse – da ist viel unterwegs. Wenn man viel drin ist, muss einiges davon künstlich kreiert werden. Wir haben das alles hier im Alltag. Wir pflanzen  auch Kräuter und Gemüse an und wollen das Bewusstsein dafür stärken, dass die Erde das hervorbringt, was wir brauchen. Und mit den Büchern wollen wir vor allem Lesefreude anregen und zeigen, dass man mit Büchern auch etwas machen kann.

4 Warum habt ihr euch für einen Naturkindergarten entschieden?

Der Naturkindergarten ist die jüngste Organisationsform, die es für Kindergärten gibt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Regeln noch nicht bis ins Detail festgeschrieben sind. Der Betrieb von Kindertagesstätten ist sehr reguliert und jede Auflage, die wir erfüllen müssen, ist mit Kosten verbunden.

Wenn man sich, wie wir, als drei Frauen selbständig macht, dann ist eine behindertengerechte Toilettenanlage, ein Fettabscheider in der Küche und so weiter zu groß. Durch das viele Draußensein hat der Naturkindergarten weniger Auflagen an die Innenräume. Darüber hinaus liegt uns die natürliche Bewegungsentwicklung von Kindern und das Draußensein einfach sehr am Herzen.

Uns war außerdem klar, dass wir uns nicht rein auf Profit ausrichten wollen und haben deshalb eine gGmbH als Organisationsform gewählt. Wir konnten uns damit sicher sein, dass wir Dinge selber gestalten und entscheiden können – mit der Freiheit Eltern an passenden Stellen einzubeziehen.

Kindergarten in der Natur mit Gründerin Nele Schäfer

5 Was wünschst du dir für die Zukunft?

Wir haben die große Hoffnung, dass wenn wir noch ein Stück weiter sind, die Anstrengung der vielen Dinge, die zum ersten Mal passieren, geschafft ist.

Wir müssen auch beim Personal nochmal genau hinschauen. Einfach, weil wir aktuell mehr arbeiten, als wir uns bezahlen und da gucken wir, wie wir eine bessere Balance schaffen. Das ist nicht leicht als eingruppige Einrichtung. Wir haben einfach sehr hohe Personalkosten, um die Aufsichtspflichten zu erfüllen. Wir müssen immer, jederzeit, drei Personen sein, wobei die dritte Person keine Fachkraft sein muss. Deswegen gibt es immer mehr große Kindergärten. Dort kann man in Randzeiten Gruppen zusammenlegen und Personal einsparen – obwohl der Betreuungsschlüssel im europäischen Vergleich schon niedrig ist.

6 Was ist dir wichtig bei der Führung vom Unternehmen und vom Team?

Ich glaube Führung hat viel mit Verantwortungsbereitschaft zu tun und weniger mit Hierarchien. Genauso, wie man Kinder begleitet, begleitet man Erwachsene, für die wir als Arbeitgebende eine Fürsorgeverantwortung haben, in dem, was sie einbringen. Es ist wichtig zu gucken, wo steht diejenige und wohin kann ihre Reise gehen. Was ist möglich und was vielleicht auch nicht? Für mich heißt das, Menschen mit ihren Persönlichkeiten mit den richtigen Aufgaben zusammenzubringen.

Außerdem schätze ich Transparenz in Kommunikationsprozessen. Darauf zu achten, dass Menschen gut informiert sind, über die Sachen, die sie wissen müssen. Ich finde es wichtig, nach ihrer Sicht der Dinge zu fragen und gemeinsam Wege zu entwickeln, wenn es Herausforderungen gibt. Dabei versuche ich zu verinnerlichen, dass Menschen verschieden arbeiten. Das Andere muss nicht falsch sagen. Deshalb: Bevor ich sage, das geht so nicht, muss ich genau hinschauen, ob es wirklich nicht so geht, oder ob ich es nur anders lösen würde.

Der Eingang zum Kindergarten Wörterwald in Heidelberg

7 Ist Geschlechteridentität ein Thema bei euch?

Auf jeden Fall. Das Kindergartenalter ist das Alter, in dem Kinder realisieren, dass sie ein Mädchen oder Junge sind. Das ist ein Entwicklungsalter, in dem Rollen zugeschrieben werden. Es geht darum, diese Rolle zu füllen und zu fragen: Was heißt es, ein Mädchen zu sein? Da kommt von den Kindern oft eine Übergeneralisierung: Alle Mädchen machen das und Jungen müssen so sein. Deswegen ist es kontinuierlich Thema.

Wir hatten zum Beispiel mal eine Situation in unserer Umzieh-Ecke. Eines Tages haben sich zwei Jungen dort die Haare gekämmt und mit Klammern geschmückt. Das wurde sehr kontrovers diskutiert. Zwei Jungs waren fest überzeugt, dass das gar nicht geht. Das haben wir aufgegriffen. Sie hatten als Aufgabe zuhause mit den Eltern nachzuschauen, wie das denn bei den Fußballern ist. Natürlich kam raus, dass berühmte Fußballer auch Zöpfe tragen. Am nächsten Tag kam ein Junge zu uns und hat gesagt: „Ja der Fußballer so und so der hat einen Zopf – lackierte Fingernägel hat er nicht. Aber ich!“

Deshalb ist es eine ganz große Herausforderung, dass in diesem frühkindlichen Bereich nur so wenige Männer tätig sind. Da bin ich fast an dem Punkt, wo ich sage, vielleicht braucht es den Schritt, dass ein Landesjugendamt sagt, wenn kein Mann beschäftigt wird, gibt es keine Zulassung. Wie eben eine Quote! Es ist für Kinder einfach so wichtig, dass sie auch außerhalb der Familie andere erwachsene, männliche Rollenvorbilder haben. Außerdem glaube ich, so traurig das ist, wenn es in diesem Berufszweig mehr Männer gäbe, würde sich die Gehaltsstruktur ändern. Viele Frauen in Fürsorgeberufen haben, in meiner Erfahrung, oft die Einstellung zu berufspolitischen Themen: Das bringt eh nichts. Sie wollen ihre Energie lieber an anderer Stelle einsetzen, oder haben Hemmungen für sich einzustehen und zum Beispiel zu streiken, weil die Familien die Betreuung brauchen. Sie stecken dann oft eher zurück.

Das Unternehmen

Im Sommer 2020 haben Nele Schäfer, Regine Oschmann und Dorothea Pottel gemeinsam den eingruppigen Kindergarten „Wörterwald“ gegründet. Ihre persönlichen Leidenschaften für Natur und Jugendliteratur konnten sie so vereinen und im Wald am Rande der Heidelberger Altstadt 20 Kindern Platz bieten. Nele Schäfer erzählt uns im Interview ihre Gründungsgeschichte!

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Bei uns ist die Teamfähigkeit entscheidend. Das heißt vor allem auch Loslassen zu können. Also wenn eine Kollegin sagt, ich kümmere mich drum, dann auch wirklich ganz abzugeben. Wenn jemand sagt, dass sie etwas macht, dann macht sie das auch und wenn jemand Hilfe braucht, dann meldet sie sich.

Gründen im Team…

Im Team zu gründen hat Vor- und Nachteile. Zum Beispiel könnt ihr euch mit euren Kompetenzen ergänzen und seid nicht alleine auf eurem Weg. Andererseits verlangt es auch viel Teamfähigkeit und eine solide rechtliche Absicherung, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen und den Unternehmensweg zu bestimmen.

Wer macht was?

Auch im Wörterwald gibt es inhaltliche Themenschwerpunkte, die aufgeteilt werden und Aspekte, die gemeinsam entschieden werden:

„Wir entscheiden die meisten Dinge gemeinsam in unseren wöchentlichen Teamsitzungen. Aufgrund der sehr hohen Arbeitsbelastung arbeiten wir aber auch arbeitsteilig. Dorotheas Herzblut steckt in allem, was mit Natur, dem Tischlerschuppen usw. zu tun hat. Literatur, Partizipation und Sozialraumorientierung, das ist mein Schwerpunkt. Regine ist ein Stück jünger und hat deshalb auch viele jüngere Kinder. Ihr ist das soziale Miteinander super wichtig.

Neben den Teamsitzungen haben wir auch regelmäßig die Gesellschafterinnensitzung und sind auf Klausurtagung. Einfach, um aus dem Alltag rauszukommen und auf die Themen, die es gibt, mit Zeit zu gucken.“

Mich hat es gereizt, auch Mal pädagogische Ideen auszuprobieren, ohne alles bis ins Detail durchdacht zu haben. Für so etwas war als Angestellte ein unheimlicher organisatorischer Abstimmungsbedarf notwendig.

Willkommen bei Nele Schäfer im Kindergarten Wörterwald

Ein Tag im Kindergarten Wörterwald…

8 Uhr. Wir treffen uns an einem öffentlichen Spielplatz und laufen den Berg hoch. Wenn wir ankommen, findet zuerst das Frühstück statt. Danach verbringen wir unsere Zeit auf dem Gelände. Es gibt verschiedene Angebote, zum Beispiel im Tischlerschuppen, Sing- und Bewegungsspiele, oder es gibt regelmäßig Literaturangebote. Während die Kinder diese gestaltete Umgebung nutzen, sind wir an ihrer Seite, beobachten sie und unterstützen sie bei Herausforderungen.

12 Uhr. Wir  räumen auf und essen drinnen zu Mittag. Danach sind wir für eine gute Stunde in den Innenräumen. Kinder können hier allgemein ihre feinmotorischen Fähigkeiten schulen. Es ist eine Zeit, wo sie eher mit sich selbst beschäftigt sind und zur Ruhe kommen.

14 Uhr. Wir versammeln uns in der Garderobe und gehen danach wieder gemeinsam runter in die Altstadt.

Sonnen-Statue in der Natur im Kindergarten Wörterwald Heidelberg

Das wichtigste Tool in eurem Gründungsprozess?

Der Kosten- und Finanzierungsplan.

Und die wichtigste Kompetenz?

To Do’s priorisieren und sich strukturiert neuen Prozessen anzunähern.

Uns ist es wichtig, dass eine lebendige Erziehungspartnerschaft mit den Eltern entsteht. Diese Gemeinschaft hört nicht mit dem Ende der Öffnungszeiten auf. Dadurch, dass wir gemeinsam den Tag beginnen und beenden, entstehen Freundschaften und Nähe.

Dein Lieblingsbuch für Kinder?

„Zwei für mich, einer für dich“ von Jörg Mühle, erschienen im Moritz Verlag und „Johanna im Zug“ von Kathrin Schärer, erschienen im Atlantis Verlag

Kindergarten Gründerin Neele Schäfer im Tischlerschuppen

Lieblingszitat von einem Kindergartenkind…

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Gründerin Nele Schäfer im Frühstückskreis des Kindergartens

Gründer vs. Gründerin…

Ich habe den Eindruck, dass Frauen mehr Beratung in Anspruch nehmen und Nachfragen.

Bei uns war zum Beispiel ganz klar: Das Inhaltliche, einen Kindergarten zu führen, das können wir und da brauchen wir keine Beratung. Aber wir übernehmen jetzt auch Bereiche, in denen wir noch keine Berufserfahrung haben und müssen das können. Dafür war die Beratung im GIG7 super. Auch, um zu wissen, was wir vielleicht abgeben müssen.